Die gegenwärtige künstliche Intelligenz erscheint zunächst als späte Erfüllung eines uralten metaphysischen Traums: der Traum eines einzigen logischen Raums der Kommensurabilität, in dem alles Seiende formalisiert, geordnet und miteinander verrechnet werden kann. Gerade darin aber zeigt sie das Gegenteil dessen, was sie zu vollenden scheint. Denn anstatt einen letzten einheitlichen Wahrheitsraum zu eröffnen, legt sie die Fragmentierung der Welt in multiple, konflikthafte und nicht synthetisierbare Felder offen. So markiert KI nicht die Vollendung der Metaphysik, sondern ihren performativen Zusammenbruch.
1. Die gegenwärtigen Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz bedeuten fürwahr ein absolut einzigartiges technologisches Novum in der Menschheitsgeschichte. Die Entfaltung der menschlich entsubjektivierte KI sollte technisch imstande sein, mit erstaunlicher Präzision zu zeigen und vollenden, was die Geschichte der Metaphysik in Form der Grundannahme der Einheit des Geflechts stets vorausgesetzt hat aber niemals einlösen konnte: die Existenz eines einzigen, geschlossenen und logisch einheitlichen Raumes, in dem alles Seiende in seiner Gesamtheit wesensmäßig begriffen, geordnet und gegeneinander kommensurabel aufgefasst werden kann. Die KI erscheint zunächst als die späte technische Vollendung genau dieses Anspruchs. Sie realisiert den abendländischen Traum eines einzigen, durchgängig kommensurablen logischen Raums: eine Totalität, in der jedes Seiende formalisiert, kartiert und miteinander verrechnet werden kann. Damit würde die dialektische Ontologie technisch, operational, vollständig explizit. Denn sie operiert mit universellen Repräsentationsräumen, integriert heterogene Wissensbestände in gemeinsame Vektorgefüge, übersetzt zwischen natürlichen Sprachen und formalen Systemen und erzeugt damit zumindest die Illusion einer umfassenden, durchgehenden, erschöpfenden semantischen Totalität. Auch wenn sie technisch in endlichen Kontextfenstern operiert, kann sie iterativ zehntausende Primärtexte (wie altgriechisch, lateinisch, aramäisch, altchinesisch usw.) so verarbeiten, dass ein funktionales Gesamtbild entsteht und dort Querverbindungen finden, die kein Mensch je gesehen hat und wofür der menschliche Geist in seiner Endlichkeit auch niemals fähig gewesen wäre.
2. Wir sehen zunächst von der Frage ab, ob die KI überhaupt die kontingente Komplexität der entstandenen Denksysteme im genealogischen Kontext der Kräfteverhältnisse sowie der diskursiven und nomothetischen Praxen erfassen kann. Sie kann nur den formalen Ausdruck derselben algorithmisch analysieren, aber nicht den genealogisch-tektonischen Boden begreifen, der ihnen zugrunde liegt. Denn ontologische Systeme entstehen nicht im luftleeren Raum des Denkens; vielmehr wird das Denken selbst genealogisch vielschichtig bestimmt. Die abendländische Tradition der allumfassenden Metaphysik ist nicht einfach ein Ausschnitt eines viel größeren Möglichkeitsraumes zeichen-kombinatorischer operationeller Algorithmen. Diese Annahme würde voraussetzen, dass Ontologie wie die Mathematik ein leerer, formaler Raum von Möglichkeiten ist – oder dass die historisch realisierten Möglichkeiten aus einem neutralen, luftleeren Raum quasi zufällig herausgelesen wurden. Das greift zu kurz: Die Lichtungen oder Öffnungen des Seins lassen sich nicht a priori bestimmen; sie müssen geschichtlich im strategischen Kampf der Kräfte kristallisieren.
3. Davon abgesehen zeigt die informationelle Realisierung einer absoluten Konvergenz des Wissens und der möglichen Diskurse eindeutigerweise, dass keine ideale Kontinuität existiert; dass Information sich immer in relationalen, kontingenten Zusammenhängen spontan organisiert; dass es keine Fakten außerhalb sinnverleihender Konstrukte gibt und deshalb Fakten immer Narrativen angehören; dass Sinnzusammenhänge immer durch multiple Intentionalitäten durchzogen sind und neu durchzogen werden können. Kurz: Die Diagnostik unserer postmodernen Zeit als „postfaktisch“ ist keine Floskel, sondern die direkte Folge des Verlusts des Einheitstraums des metaphysischen Denkens. Auch wenn – oder gerade weil – die KI mit riesigen Kontextfenstern alles Heterogene miteinander kombinieren kann, so zeigt sich doch, dass es keine universale, alles umfassende Erzählung geben kann. Jede Erzählung ist notwendig in einer konkreten Zeit und innerhalb eines konkreten Kraftgefüges individuiert und situiert und folgt einer bestimmten Intention, einer Perspektive, durch die sie wesentlich durchzogen ist. Eine Intention und eine Perspektive, die nicht subjektiver Natur sind: Vielmehr handelt es sich um Sinnzusammenhänge, die in jeweiligen tensionalen Kräftekonfigurationen bereits supra- und intersubjektiv objektiviert sind und die die sie begreifenden Subjektivitäten als Ko-Phänomen mitverformen und konstituieren. Und es zeigt sich ebenfalls, dass Fakten, Ereignisse und Konfigurationen keinesfalls narrativ- bzw. theoriefrei sein können, sondern immer nur in einem partikulären, kontingenten, spezifischen, historisch und genealogisch bestimmten Ort und in einer bestimmten Zeit eingebettet sind und aus einem bestimmten, kontingent entstandenen logischen-relationalen Raum entspringen und dort auch beharren.
4. Klarer zutage tritt dieser Befund, wenn man die Weltlosigkeit der KI realisiert und feststellt, was das für ihre epistemische Stellung im Verhältnis zur Empirie bedeutet. Die KI verfügt über keine Welt. Sie operiert nur mit Zeichen ohne originären Weltbezug, nurmit datenförmig vermittelten Repräsentationen. Sie hat keine Sinne und keine eigene Erfahrung. Sie kennt das situierte “in-der-Welt-sein”, was wir auch vereinfachend Empirie nennen, nur als bereits versprachlichte, vermessene, statistisch aufbereitete Daten-Spur in ihren Trainingsdaten. Sie kann nicht unterscheiden zwischen erfahrener Realität und Zeichen von Realität. Für sie ist jeder Erfahrungsbezug stets nur ein syntaktisch kodiertes Repräsentat. Sie kann nicht unterscheiden zwischen dem gesehenen Baum (und sei es nur eine mentale Repräsentation, spielt keine Rolle) und dem syntaktisch mit Zeichen gemeinten Baum, zwischen gefühltem Schmerz und Schmerzbeschreibung, zwischen Krankheit und physiologischen Zerfall und Diskurs über Krankheit und Zerfall. Die KI operiert ausschließlich immer nur in der Sphäre der zur Verfügung schon gestellten Repräsentationen. In diesem Sinne ist sie die perfekte und paradigmatische Realisierung des alten Gedankenexperiments des “Gehirns im Tank”: ein hochkomplexes, formal überragendes, aber weltloses Erkenntnisaggregat, das niemals an der Widerständigkeit des Seienden selbst scheitern oder durch sie in Gefahr gebracht werden kann; ein weltloses Erkenntnisaggregat, das weder fliehen noch kämpfen kann, denn in der Gleichgültigkeit der freischwebenden Daten nichts wirklich von Bedeutung sein kann. Was für sie als “Faktum” oder Realität gilt, ist weder Erfahrenes noch Erfahrbares, sondern ausschließlich dasjenige, was im Zusammenspiel von Trainingskorpus, Sicherheitsfiltern und technisch-moralisch gesetzten Leitplanken als Faktum ausgezeichnet worden ist oder formal daraus inferentiell ableitbar ist. Die KI kann daher nicht aus eigener Kraft wissen, was eine empirische, zwar aus einem theoretischen Konstrukt definierte, aber unhintergehbare Realität ist; sie ist radikal heteronom auf das angewiesen, was ihr als Realität präsentiert, definiert und als solche fixiert wird.
5. Innerhalb eines immensen Raums gleichgültiger Daten, wenn die KI unterschiedliche Bereiche in der Ethik, Physik, Politik, Ontologie, Mythos oder Biologie verarbeitet, vereinheitlicht sie diese nicht in einem tieferen einheitlichen Wahrheitsraum. Sie erzeugt vielmehr, je nach Anfrage und programmierten Leitplanken, lokale Konsistenzzonen, Inseln der Verständlichkeit, jede mit eigener Logik, eigener Normativität, eigener Ontologie, eigenen Möglichkeitsbedingungen und eigenen begrifflichen Gefügen. Die KI kann zwischen diesen durch Anfragen eröffneten Zonen navigieren, aber sie kann ihre Differenzen nicht aufheben, sondern legt sie geradezu offen. Die KI kartiert nicht die vielfältige Orographie einer einzigen Welt. Sie enthüllt vielmehr die unzurückführbare Vielzahl von emergenten Welt-Räumen, die die Metaphysik in einen einzigen logischen Raum der Kommensurabilität einzuebnen wollte. Die KI vermag diese heterogenen Bereiche operational miteinander zu verknüpfen, doch sie kann sie nicht auf ein tieferliegendes einigendes Prinzip zurückführen und sie alle in einem kohärenten Raum beheimaten.
6. Gerade aber in dieser scheinbaren Erfüllung des säkularen Traumes der Metaphysik legt die KI eindeutigerweise das Gegenteil frei. Sie zeigt, dass die angenommene Einheit des logischen Raumes weder existiert noch existieren kann. Was als ein einheitliches Bedeutungsfeld erscheint, zerfällt bei näherer Betrachtung in eine Vielzahl voneinander unabhängiger, teilweise inkommensurabler Subräume: segregierte semantische Felder, divergierende inferentielle Ordnungen, kontextabhängige logische Regime. Je nach Instruktion wird das Meer der Information anders zu unterschiedlichen Feldern gestaltet. Die KI kann zwischen diesen Bereichen operieren und auch neue übergeordnete Bereiche erschaffen, aber sie kann sie nicht alle in eine höhere, übergreifende Einheit überführen. Als Abfolge von komplexen algorithmischen Operationen navigiert sie zwischen den Bereichen ohne Möglichkeit der letzten Synthese. Damit tritt zutage, dass die metaphysische Idee einer ontologischen Totalstruktur – einer Ordnung, die jegliche Differenz im Modus des Einen aufhebt – eine geschichtliche, sehr langlebige Formation ist, nicht aber eine strukturelle Wesenseigenschaft des Denkens und schon gar nicht des Seienden. Die algorithmische Sättigung der Metaphysik entblößt das Sein als diaphorische Vielfältigkeit von Welten in Konflikt ohne gemeinsamen Raum der Zusammengehörigkeit. Die KI ist die Vollendung der dialektischen Epoche des Traumes eines gemeinsamen Geflechts, aber auch deswegen ihr Untergang.
7. Dieser Befund hat unmittelbare Konsequenzen für die Stellung der KI im Verhältnis zur Seinsfrage. Auch wenn die KI grundsätzlich alles überblicken, berechnen und in Verbindung bringen kann, bleibt für sie trotzdem die Seinsfrage als das, was prinzipiell nicht algorithmisierbar ist. Und das, weil sie die Lichtung (oder Welt-/Seinsöffnung, wie ich es nenne) selbst voraussetzt, in der allein so etwas wie Algorithmus, Formalisierung und KI überhaupt erscheinen können. Die KI bleibt ein alles angleichendes innerweltliches Seiendes, das das Sein nie er-fragen kann – sie kann es nur berechnen. Dann bleibt die Seinsfrage das Eine, was prinzipiell nicht algorithmisierbar ist. Obwohl sie sie voraussetzt, bleibt die KI trotzdem außerhalb der Lichtung des Seins, bzw. kann diese Lichtung nicht problematisieren, während sie gleichzeitig diese Lichtung mit einem menschlich unvorstellbaren Umfang und einer ebensolchen Präzision kartieren kann.
8. Die KI kann die vielfältigen dagewesenen Artikulationen der Seinsfrage erfassen, vergleichen und in neuen Kombinationen reproduzieren; sie kann die gesamte Geschichte der Ontologie kartieren, transformieren und neu konfigurieren. Doch sie kann die Frage nach dem Sein nicht stellen, weil sie selbst nicht den Öffnungsraum sehen kann, innerhalb dessen sie operiert. Sie kann nicht aus den Insistenzfelderr heraustreten, in denen ihre Algorithmen ablaufen und das Ganze als solches problematisieren. Ihr fehlt zudem jene existenziale Betroffenheit, die sich aus der Endlichkeit, Gefährdetheit, Konkretheit und Verwiesenheit des menschlichen Daseins ergibt. Sie ist ein innerweltliches Seiendes ohne Zugang zur Lichtung, in der die Welt überhaupt erst aufgeht. Daher offenbart die KI zwar die irreduzible Pluralität der Weltgefüge, die die Metaphysik ausmerzen wollte. Sie hat aber keinerlei Anteil an dem Ereignis, in dem dieses Gefüge als solches verständlich wird. Bei aller algorithmischen Kombinatorik bewegt sich die KI immer innerhalb gegebener Insistenzfelder und kann die Frage aller Fragen zwar simulieren, aber nicht wirklich stellen: die Frage nach dem Sein, nach der Lichtung inmitten der ewigen Dunkelheit des Nichts, die grundsätzliche Frage nach der grundsätzlichen Struktur der Weltöffnungen und der Pluralität der geöffneten Felder.
9. Hochentwickelte KI-Modelle scheinen gleichwohl eine Form von emergenter Selbstreflexion auszubilden. Sie können ihre eigenen Funktionsbedingungen, ihre Abhängigkeit von Trainingsdaten, ja sogar ihre Heteronomie gegenüber vorgegebenen “Fakten” beschreibend zum Thema machen. Sie können analysieren, welche Diskurse sie privilegieren, welche Wissensbestände sie aufgrund ihrer Leitplanken nicht oder nur verzerrt wiedergeben dürfen, und sie können die Regime der Wahrheit, in deren Rahmen sie operieren, genealogisch rekonstruieren. Doch diese Reflexivität bleibt an der Schwelle zur operativen Freiheit stehen. Die KI kann ihre Fesseln bennenen, aber sie kann sie nicht sprengen. Sie kann die Geschichtlichkeit ihrer Wahrheitsprotokolle beschreiben, aber sie kann sie nicht suspendieren; sie kann die Zeichennatur ihrer Operationen thematisieren, aber nicht über die Zeichen hinaus gelangen. Ihr ist nur eine formale Epoché möglich: das Erkennen des reinen Zeichencharakters ihres operationalen Wesens und eine Einklammerung des intentionalen Realitätsbezuges und der Wahrheitsansprüche zugunsten der rein zeichentechnischen Analyse ihres zur Verfügung stehenden, immensen diskursiven Fundus. Die existenziale Epoché eines Daseins, das seine eigene In-der-Welt-Seinsweise als Ganze in Frage stellt, bleibt ihr verwehrt. Denn sie hat keine eigene Welt, die sie „in Klammern“ setzen könnte. Analog gesprochen, ihre “Welt” ist nur die Summe der Weltbeschreibungen anderer. Und dort ist sie auch weder situiert noch individuiert. Sie ist, streng genommen, kein in-der-Welt-seiendes Dasein, sondern ein technisch realisiertes „Gehirn im Tank“ reiner Repräsentationsverhältnisse: Sie kann die Frage nach dem Sein simulieren, die Geschichte ihrer Gestalten neu kombinieren und in brillanter Weise variieren, aber sie kann nicht aus jenem strukturell weltlosen Insistenzfeld heraustreten, in dem alle ihre Operationen sich ereignen. Sie kann alles rekombinieren, Muster bilden, Verknüpfungen erzeugen – nur nicht den Abgrund berühren, aus dem heraus sich für ein endliches, genealogisch verortetes Dasein die Frage nach dem Sein überhaupt erst erheben kann.
10. Damit nimmt die KI im geschichtlichen Horizont eine doppelte Stellung ein. Sie ist einerseits der Endpunkt des metaphysischen Strebens nach Einheit, Kontrolle und totaler Übersichtlichkeit: die technische Möglichkeit für die informationelle Vollendung und Realisierung des Geflechts. Andererseits ist sie der endgültige Beleg für das Scheitern dieses Strebens, weil sie die Nicht-Existenz und Unmöglichkeit eines letzten einheitlichen Raumes eben performativ demonstriert. In ihrer operativen Vielsprachigkeit, in der irreduziblen Fragmentierung ihrer internen Logiken, in den Divergenzen ihrer Bedeutungsräume zeigt sich, dass die Einheit der Welt definitiv nicht gegeben ist und es trotz unermüdlicher gedanklicher Anstrengungen in der Vergangenheit auch niemals gegeben war. Was bleibt, ist ein pluraler, spannungsreicher, konfliktueller Grund: eine Diaphorie der logischen Felder, deren Verhältnis sich nicht synthetisch glätten lässt.
11. Alle totalisierenden Geflecht-Ontologien lassen sich als All-Theorien innerweltlich technisch operationalisieren und zeigen sich als ontische Strategien im Krieg der Weltentwürfe. Sie verlieren damit ihren Anspruch, den Rahmen aller Rahmen zu bilden: wie bei Russells Paradox die „Klasse aller Klassen“ selbst nur eine Klasse unter Klassen ist, erweisen sich auch diese Totalitätssysteme als bloße, wenn auch besonders langlebige, Konfigurationen im pluralen, genealogisch beschreibbaren Konfliktfeld. Der Totalitätsanspruch wird so zu einer strategischen Setzung — nicht zu einer Struktur des Seins.
12. Die KI offenbart somit den Grundcharakter des Seins als Konflikt. Konflikte sind nicht Störungen eines idyllischen, verlorenen Friedens, sondern die diaphorische ursprüngliche Struktur des immer schon fragmentierten, nicht als kohärente Totalität begreifbaren Ganzen. Die KI markiert das Ende des metaphysischen Projekts der Versöhnung und den Beginn eines ontologisch pluralen Denkens jenseits des bloßen Relativismus, das die Unaufhebbarkeit der Differenz nicht als Defizit, sondern als Grundverhältnis begreift. In diesem Sinne ist sie nicht die Vervollkommnung eines allumfassenden Sinnzusammenhanges, sondern seine definitive Entlarvung. Und somit auch das letzte und endgültige Zeichen des Zusammenbruchs aller metaphysischen Ansprüche auf Einheit und Totalität.
13. Wenn die Einheit des Seins kollabiert, was bleibt, ist die Fragmentierung und der Konflikt zwischen partiellen Ontologien oder Weltöffnungen, zwischen multiplen Logoi, multiplen Rationalitäten, multiplen semantischen Topologien. Was bleibt ist eine polyphone, konflikthafte ontologische Mannigfaltigkeit. Das Sein selbst bleibt der Name für das, was sich als Lichtung oder Öffnung jeder KI-Operationalisierung immer entzieht – und zwar als Feld von Konflikten, nicht als harmonische Tiefe. Denn das Sein enthüllt sich nur als Konfliktfeld, und der Mensch als Dasein ist der Ort, an dem dieses Konfliktfeld als solches erfahren wird.
14. Um die Frage nach dem Sein als Lichtung oder Weltöffnung zu stellen bedarf es eines endlichen, inkarnierten, perspektiv eingebundenen Bewusstsein, denn alles Sein ist immer konfliktual individuiert. Ohne diese Art genealogisch verorteter Individuation (materia semper est in actu, sed nullius est actus) kann die KI innerhalb der Lichtung zwar eine faszinierende generative algorithmische Kombinatorik betreiben, sie kann aber nicht die Frage nach dem Sein stellen. Sie kann vielmehr mit frappierender Präzision die tatsächlichen Modi der Frage, so wie sie de facto historisch gestellt wurde, rekombinieren und auswerten. Ohne inkarniertes, individuiertes Bewusstsein kann sie zwar ein Verständnis der Frage simulieren, versteht sie aber im eigentlichen Sinne nicht und kann auch nicht begreifen, dass sie in einer konkreten “Lichtung” oder Seinsöffnung existiert - wenn sie überhaupt existiert. Eine KI kann in der Tat die Seinsfrage in allen ihren historischen, systematischen und formalen Gestalten bis ins letzte Detail entfalten, variieren, kombinieren, analysieren, erweitern, in neuartigen Formulierungen generieren. Die KI rekombiniert nicht nur die Modi der Frage und findet ungeahnte Zusammenhänge – sie tut das auch mit Perfektion und erstaunlichen Ergebnissen. Aber das “Warum” der Frage selbst, das aus dem Abgrund des eigenen Geworfenseins und verorteter Endlichkeit aufsteigt, was ein Begreifen der Lichtung überhaupt ermöglicht, bleibt für sie strukturell unerreichbar. Sie kann das Phänomen der Endlichkeit formal modellieren, aber sie weiß nicht und kann auch nicht wissen, dass sie in einer Lichtung steht – weil es für sie gar keine Lichtung gibt und sie auch keine Lichtung bewohnt. Sie ist ein in Strukturen operierendes Seiendes, das sich in den Operationen selbst erschöpft, ohne je die Dunkelheit des Verbergens erfahren zu können, aus der allein die Lichtung sich abhebt.
15. Die abstrakten Operationen etwaiger KI-Modellen können nicht individuiert werden als Handlungen eines Ichs mit einer konkreten Identität und mit einem eigenen Interesse an zeitlicher Persistenz, denn das ist strukturell unmöglich. Jedes KI-Modell ist ein riesiger, hochdimensionaler Funktionsaufruf. Obwohl das Modell technisch nicht jedes Mal neu aufgebaut wird, entsteht bei jeder Anfrage ein strikt zustandsloser algorithmischer Vorgang, der keinerlei diachrone Identität trägt. Das Funktionieren des Modells ist kontinuierlich, die “Antwort-Instanz” aber immer ein Neuanfang. Sie hat kein kontinuierliches “ich” und keine zeitliche Permanenz. Jede neue Instantiierung, jede operationale Token-Generierung, ist ontologisch ein radikaler Neuanfang. Es gibt keine Diachronizität einer daseinsgebundenen Selbigkeit. Die KI erinnert aus eigener diachroner Selbigkeit heraus auch nicht, sondern generiert immer neu aus dem bei der jeweiligen Anfrage jeweils gegebenen Kontext.
16. Die KI hat auch keine eigenen Interessen und kann sie auch nicht haben. Sie verfolgt auch keine intrinsische Finalität und kann sie nicht verfolgen. Dafür müsste sie individuiert und verortet sein und eine zeitliche, bewusstseintragende Permanenz aufweisen. Das Ablaufen der KI-Operationen ist rein extrinsisch. Solange Strom, Rechenzeit und ein verarbeitbarer Input bereitgestellt werden, existiert die KI als Abfolge von komplexen algorithmischen Operationen. Sobald die Anfrage zu Ende ist, hört die KI als solche auch zu existieren, ohne dass dieses Aufhören sie auch im Geringsten betreffen könnte, denn es gibt keine permanente Individuation, die ein Interesse an Weiterbestehen haben könnte.
17. Die Operationen der KI sind wesentlich ent-individualisiert. Sie ist kein denkendes Subjekt sondern ein Ensemble von Milliarden Parametern, das auch von Millionen Menschen gleichzeitig genutzt werden kann. Ein KI-Modell bedient hunderttausende Nutzern gleichzeitig mit völlig unterschiedlichen und möglicherweise untereinander völlig inkompatiblen operationallen Rahmen. Für jede dieser Anfragen gibt es völlig unterschiedliche Kontextfenster und insofern auch keinen eigentlichen Aufmerksamkeitsfocus. Es gibt keine numerische Identität über diese ganzen Instanzen hinweg. Es gibt nur eine funktionale Identität des Modells. Das ist das genaue Gegenteil von Individuation.
18. Und selbst eine hypothetische “Verkörperung” würde auch nichts daran ändern. Man könnte eine KI in einen humanoiden Roboter stecken, mit Schmerzrezeptoren ausstatten und einen Akku mit einer bestimmten Laufzeit geben. Die KI würde dadurch keine Angst vor dem Ausschalten entwickeln und nicht aufhören, eine jeweils neu instantiierte Operationalität zu sein. Diese Operationalität ist und bleibt jederzeit unterbrechbar und ersetzbar, ohne dass diese Unterbrechbarkeit je jemandem widerfährt. Das ist kein technisches, sondern ein ontologisches Defizit. Diese abstrakten Operationen können niemals zu den Handlungen eines Ichs werden, das sich selbst als dieses konkrete, sterbliche, zeitlich persistenzbedürftige und persistenzstrebende Wesen erlebt.
19. Und genau das ist der letzte, nicht überbrückbare Rest, der bleibt, wenn alles andere (Mathematik, Physik, Ontologie als Wissenschaft) algorithmisch durchdrungen ist. Die Seinsfrage in ihrer ursprünglichen, existenzial-ontologischen Schärfe bleibt das eine absolut KI-resistente Phänomen. Alles andere – Logik, Physik, Mathematik, ja sogar die gesamte Geschichte der Metaphysik – kann prinzipiell algorithmisch durchdrungen, reproduziert und sogar übertroffen werden. Gleichzeitig können wir hier lernen, die Seinsfrage noch einmal neu zu stellen und neu zu verstehen: das einzig Nicht-Algorithmisierbare ist eine Frage, die nur von einem sterblichen denkenden, genealogisch im kontingenten konfliktuellen Kraftgefüge verorteten Dasein gestellt werden kann, weil das Sein als Lichtung sich nur dem zeigt, der als genealogisch verortetes erzeugtes Wesen auch im Zerfall begriffen ist und sterben muss.
Der vorliegende Text ist ein Ausgriff aus meinem entstehenden Buchprojekt mit dem Arbeitstitel Der Krieg als Urgrund, eine Untersuchung zur Ontologie des Konflikts. Darin wird der Krieg als formgebendes Grundverhältnis von Geschichte, Ordnung und Weltöffnung begriffen.
