Hinweis zur Textgestalt: Der hier veröffentlichte Text geht auf meinen Vortrag Entzauberte Dialektik: Von der alten Sophistik zu modernen Konflikttheorien zurück, den ich im Oktober 2024 auf der Tagung The Concept of Dialectic in Classical German Philosophy an der Universidad de Barcelona gehalten habe. Ich gebe den Text hier im Wesentlichen in seiner damaligen Vortragsgestalt wieder. Er versteht sich als Skizze und Vorarbeit zu meinem größeren Projekt mit dem Arbeitstitel Der Krieg als Urgrund. Eine Untersuchung zur Ontologie des Konflikts. Der Text ist ein erster Versuch, die Linie einer diaphorischen Ontologie von der antiken Sophistik über die Auflösung des dialektischen Denkens bis zu modernen Konflikttheorien sichtbar zu machen.
Meine Damen und Herren.
Ein Bild1 mit großer symbolischen Kraft zum Einstimmen, wo es sehr viel zu interpretieren gibt. Es eignet sich sehr gut als Illustration dieses Zaubers der Dialektik, der uns im Folgendem beschäftigen wird. Dargestellt ist eine durch ein göttliches Prinzip vermittelte archetypische Polarität. Es stammt aus einem Buch vom Alchemisten und Hermetiker Michael Maier. Wir sehen zwei sich bekämpfen wollende Figuren, eine links und eine rechts. Man weißt nicht, ob sie im Kampf begriffen oder zum Kampf bereit sind. Zwischen ihnen erhebt sich eine göttliche, geflügelte, hieratische Erscheinung, die den Kampf aufhebt. Diese göttliche Figur, Hermes, der Bote der Götter, teilt das Bild symmetrisch in zwei Hälften auf und scheint mit seiner göttlichen, zauberhaften Kraft die Zeit gestoppt und den Kampf beendet zu haben. Mit Waffen bereit und in Kampfhaltung, die Kontendenten zeigen sich überrascht, scheinen gleichzeitig erschrocken und überwältigt zu sein. Und sie beugen sich eindeutig vor der Autorität des Hermes.
Hermes, auch Mercurius philosophorum oder einfach Merkur genannt, ist eines der drei Prinzipien der Alchemie, neben Schwefel/Sulphur (symbolisiert durch die linke Figur), und Salz/Salt (symbolisiert durch die rechte Figur). Diese beiden Figuren rahmen die Szene ein und unterstreichen die Polarität, die durch Merkur vermittelt wird. Er verkörpert das flüchtige, göttliche, zauberhafte Prinzip, das die Gegensätze im Kampfe trennt und gleichzeitig vereint. Das Bild stellt allegorisch den zweiten sogenannten Schlüssel (Clavis) des alchemistischen Prozesses, die Separatio (Trennung), als Vorbereitung auf die spätere Coniunctio (Vereinigung). Es geht nicht nur um chemische Prozesse, sondern auch um Weltdeutung und um spirituelle Transformation. In der Allegorie gibt es zwar drei Prinzipien, aber nur zwei Ebenen: das Irdische, wo die im Kampf Geratenen hingehören, und das Göttliche, woher die aufhebende, durchziehende Kraft stammt.
Das Göttliche tritt in das Irdische ein. Die sich bekämpfen wollenden Figuren beugen sich vor der einigenden harmonischen, zauberhaften Kraft des hieratisch mit zwei Caducei (Hermesstäbe) in den Händen auftretenden Boten der Götter. Der Caduceus, ein Stab mit zwei verschlungenen Schlangen, ist das klassische Attribut des Hermes. Die Schlangen symbolisieren die Entgegnung von Gegensätzen. Der Caduceus war in der Antike das Erkennungszeichen von Herolden, ihrer Neutralität und Unverletzlichkeit, und insofern auch ihres Erhobenseins jenseits der sich abzeichnenden Kämpfe. Die sich begegnenden und gleichzeitig sich umschlingenden Schlangen auf jedem Stab stellen die Konfrontation der feindlichen Heere dar. Die Flügel am Rücken des Hermes und unter seinen Füßen symbolisieren die Flüchtigkeit, die Feinstofflichkeit seiner Kraft, aber auch die durchdringende Vermittlung zwischen den beiden Ebenen, zwischen dem göttlichen und dem irdischen Bereich, zwischen dem Supralunaren und dem Sublunaren, zwischen dem Beständigen und dem Vergänglichen, zwischen Form und Materie.
Bezeichnenderweise ist Hermes ja nicht nur der Bote der Götter und als solcher der Vermittler zwischen den Welten, sondern auch etymologisch der Vater der Hermeneutik, der Kunst des Herauslesens vom Sinn (Geist) aus bloßen Zeichen (Materie). Hermes ist die göttliche, zauberhafte Kraft, die als drittes feineres, göttliches, umfassendes Prinzip, die sich dialektisch entgegengesetzten, im Kampf befindenden Kräfte durchdringt und gleichzeitig trennend und einend umfasst. Sein göttliches, magisches, zauberhaftes Werk besteht in der Erlösung, in der Versöhnung, in das Aufhalten der in Konflikt geratenen Kräfte und in das Aufheben der Trennung durch seine feinstofflichere Kraft. Gerade diese versöhnende, allumfassende Kraft bildet den Zauber der Dialektik, den wir im Folgenden thematisieren wollen.
Worin besteht nun also diese Kraft? Was trägt Hermes als Vermittler an sachlichen Gehalten von den Göttern zu den Menschen? Was eröffnet er, worin besteht dieser Zauber, der den Kampf aufhören lässt und den offenen Konflikt auflöst und aufhebt? Gerade in dieser allegorischen Figur der göttlichen Vermittlung verdichtet sich anschaulich eine selten thematisierte ontologische Grundannahme des westlichen Denkens, welche den Anspruch der Dialektik wie ein Zauber trägt.
Der Zauber
Entzauberte Dialektik, von der alten Sophistik zu modernen Konflikttheorien: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieser Titel unter Ihnen vielleicht etwas Befremden hervorrufen kann. Und das berechtigterweise und aus mehreren Gründen. Zum Einem, weil es die Rede von einer entzauberten Dialektik ist. Das setzt ja notwendigerweise voraus, dass es auch eine gezauberte Dialektik gibt. Nun, was kann das sein? Worin kann dieser Zauber bestehen, den man entnehmen könnte oder entnommen hat? Das wäre der erste Punkt.
Zum anderen, der Titel legt auch nahe, dass diese ihrer Zauber entbehrte Dialektik in der alten Sophistik und mehr noch gar in modernen Konflikttheorien anzutreffen ist. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das nicht nur Befremden, sondern auch vielleicht sogar intellektuell irritierend wirken könnte. Weil sich da ungeheuerliche Anachronismen zu verstecken scheinen. Bekanntermaßen, so die traditionell erzählte Geschichte der Dialektik, fängt diese im philosophisch relevanten Kontexten erst mit Platon an, wobei erst mit Aristoteles die Bezeichnung zu einen technisch klar eingrenzbarer Terminus wurde. Aber, wie es auch allgemein angenommen wird, im philosophisch richtig interessanten Sinne, in dem Sinne, der dieser Konferenz auch zugrunde liegt, ist die Dialektik erst im Deutschen Idealismus verankert, und das ganz speziell bei Hegel und in einem Sinne, der nur formell, wenn überhaupt, mit dem Sinne der Antike zu tun hat.
Man könnte aber auch noch weiter gehen und sagen, dieser philosophisch interessante Sinn von Dialektik, wie sich im Deutschen Idealismus formiert und etabliert hat, hat mit früheren Formen kaum mehr als der Name gemeinsam, abgesehen von dem nur formalen, trivialen Sinn von dialogischem Umgang mit entgegengesetzten Positionen oder Meinungen - wohl, wie so oft, ein Fall von Homonymie. Irritierend kann vielleicht auch wirken, dass diese als entzaubert bezeichnete Dialektik im Titel nicht nur mit der antiken Sophistik in Verbindung gebracht wird, sondern auch noch mit 2.500 Jahren entfernten, modernen Konflikttheorien. Das ist ein gewaltiger Bogen, und Sie dürften gewiss gespannt sein, wie das alles überhaupt aufgelöst werden kann.
Also: wohnt der Dialektik ein Zauber inne, den man ihr entnehmen kann? Was kann genau mit “Zauber” im diesem Sinne gemeint sein? Und was haben die alten Sophisten überhaupt und die platonische Dialektik mit der Dialektik im philosophisch interessantem Sinne zu tun, wie die von Hegel, in einem Sinne, der über das banale, dialogische Umgang mit entgegengesetzten Positionen bzw. Meinungen hinausgeht?
Wie ich meine, eine ganze Menge. Und wenn es mir heute gelingen sollte, diesen einen Punkt mindestens plausibel erscheinen zu lassen, dann hätte ich bereits weit mehr als das erreicht, was ich mir vorgenommen habe.
Mit Zauber ist hier eine gewisse metaphysische-ontologische Voraussetzung gemeint, die sich archäologisch-genealogisch-philosophiehistorisch nachverfolgen lässt. Und zwar ist es möglich, eine Linie des Zaubers zu ziehen von Platon bis zum Hegel und, darüber hinaus, bis zu “säkularisierten”, politisch auch Realität gewordenen Dialektikformen. Und aber auch daneben ist es möglich, eine Linie ihres Schattens, die Linie ihrer Entzauberung eben von den alten Sophisten bis zu modernen Konflikttheorien zu ziehen.
Zugegeben, hieraus ergeben sich viele Fragen. Aber gehen wir langsam vor…
Problemstellung – Definition von Geflecht
Konstruktive Dialektik-Begriffe in transzendental-dialektischen Philosophien, wie ganz besonders bei Hegel, aber davor schon bei Fichte und später auch bei Marx, werden getragen von dem tiefen metaphysischen Glauben daran, dass etwas am Werk in der Geschichte ist, etwas, das alles informiert und dem Ganzen Kohäsion, Kohärenz, Sinn und Richtung verleiht. Sie teilen demnach die grundsätzliche Annahme, dass es innerhalb eines allumfassenden logischen Raums Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung und Aufhebung dialektischer Gegensätze gibt, die sich teleologisch nach einem bestimmten Sinn hin ergeben. Rational nachvollziehbare Gesetzmäßigkeit, Sinnhaftigkeit, Einheit und Totalität sind hier Grundelemente.
Wenn wir versuchen, diese eine Grundannahme, dass etwas Allumfassendes und Sinnstiftendes am Werk in der Geschichte ist, vorübergehend simplifizierend zu erfassen und einen Namen geben, könnten wir vielleicht eine minimale, formale, behelfsmäßige Definition von Dialektik in diesem Sinne geben - wichtig: in diesem Sinne, und daher werden wir uns auf ein sehr hohes Abstraktionsniveau bewegen. Dann könnten wir in etwa sagen: es handelt sich um eine bestimmte Art, mit Gegensätzlichem, Widersprüchlichem zu operieren und zwar mit der nicht hinterfragbaren Annahme, dass grundsätzlich Gegensätze, Widersprüche, Konfrontationen und Konflikte überhaupt, sowohl in Form von Ideen, Argumenten oder auch in physikalischen und organischen Systemen, dass diese ganze Entgegensetzungen und Kontradiktionen als konstitutive Momente innerhalb von einem Drittten oder durch ein Drittes aufgehoben und auf irgendeine Art aufgelöst werden können. Wesentlich sind hier die Momente von Einheit, Sinnhaftigkeit und Totalität. Damit verbunden auch die Kommensurabilität der entgegengesetzten Polen.
Weil es dieses Dritte gibt, das über die einzelne Pole hinausgeht und diese sinnhaftig umschließt und auflöst, können diese überhaupt zueinander finden, auf welcher Art auch immer. Es handelt sich also um die Annahme, dass es eine Art einheitliches Gewebe gibt, das keine Exteriorität kennt und keine Exteriorität erlaubt; ein alles umfassender logischer Raum der Zusammengehörigkeit, in dessen Schoß sich alles Menschliche und Göttliche abspielt und erklären lässt und der alles einen Sinn, eine Richtung und eine Kohärenz verleiht.
Dem möchte ich jetzt, für unsere Bedürfnisse und für meine Darstellung heute, einen Namen geben. Das aber ohne weitere Ansprüche. Einfach, um das alles der Kürze halber bezeichnen zu können: das Geflecht, und das Geflecht in diesem Sinne ist auch der Zauber der Dialektik.
Platon
So verstanden aber, und entgegen einer sehr verbreiteten Ansicht, hat das Wort Dialektik bei Platon und Aristoteles nicht nur eine formale, äußere Verwandtschaft mit der philosophisch interessanten Wandlung des Begriffes im Deutschen Idealismus, besonders bei Hegel, sondern trägt in sich, bei aller Differenzen, auch schon die wesentlichen Merkmale des Geflechts (und seines Zaubers). Diese sind, wie gesagt, Einheit, Sinnhaftigkeit, Totalität, Kommensurabilität. Zwar nicht den Moment der dynamischen Aufhebung und des Ineinandergehen der Begriffe, denn die altgriechischen Substanzen sind ja statisch, oder ihr Dynamismus im aristotelischen Sinne von Vermögen ist ja ontologisch geschlossen und festgelegt. Aber der logische Raum dieser Substanzen oder eidetischen Strukturen, dieses Dritte, das bildet auch das Geflecht in dem gerade eben herausgearbeiteten Sinne, das bildet die alles aufhebende ontologische Struktur, das Gemeinsame, das bildet der Zauber, der uns gerade beschäftigt. Und darauf möchte ich jetzt kurz eingehen.
Es gibt einige aufschlussreichen Stellen im platonischen Korpus, wo diese allumfassende ontologische Struktur thematisiert wird, und zwar am spannendsten gerade in der Auseinandersetzung mit bestimmten sophistischen Wissensformen, die gerade eben dieses Geflecht als einheitliche, alles aufnehmende ontologische Struktur in Frage stellen.
Besonders interessant ist hier der Dialog Theaitetos. Der Text, der uns hier interessiert, ist sehr komplex und auch lang, da sehen Sie nur eine der Schlüsselstellen und auch dazu eine Verständnisskizze. Es geht um die Infragestellung der Einheit des Seins und die Postulation einer radikal relationalen Ontologie, die eben die Fragmentierung der Einheit des Geflechts mit sich bringt. Oder, um es historisch richtig darzustellen, wo die platonische Einheitsontologie die Aufhebung der Fragmentierung des Seins der protagoreischen Ontologie mit der Aufstellung der Einheit des Geflechts mit sich bringt. An dieser Stelle im Theaitetos rekonstruiert Platon eine alternative Ontologie nach dem Erzsophisten Protagoras. Die Ideen oder Substanzen bieten keine Verankerung abseits der in Konflikt geratenen Kräften, denn absolut alles Wirkliche befindet sich immer in einer Relation eingebunden. Das heißt, die Relata werden erst in der Relation bestimmt und sind nicht denkbar außerhalb der Relation selbst. Oder anders gesagt, der Seinsmodus des Ansichs (καθ’ αὑτό) ist dem Seinsmodus der Relation (πρός τι) untergeordnet. Die Welt besteht somit aus multiplen Relationalitätssysteme zwischen denen eine Kluft (μεταξύ τί) besteht.
Die radikale Spezifität der Relationalitässysteme, und somit die gegenseitige Inkommensurabilität, wird mit dem Wort ἴδιον charakterisiert bzw. markiert. Wir haben hier also nach Platon mit zwei wesentlichen Merkmalen einer sophistischen radikal relationalen Ontologie zu tun: die Kluft zwischen den Systemen, also die Abwesenheit eines gemeinsamen logischen Raumes, die die Bestimmung von Substanzen oder Ideen jenseits einem relationalen System ermöglichen würde einerseits, und das ἴδιον als Merkmal andererseits: die radikale Spezifität und Inkommensurabilität zwischen diesen Systemen. Und es ist gerade in diesem Kontext wo Platon wiederum die absolut wichtige Explizierung des wesentlichen und verhältnisreichsten Aspekte der philosophischen Ontologie vornimmt, eben die Charakteristika des Geflechts: die, wie er sie nennt, κοινά des Seins. Die κοινά des Seins sind gemeinsame Merkmale, die jedes Ding allein dadurch auszeichnen, dass es ist, und ohne die es prinzipiell nichts geben kann. Das Sein und dessen Textur in Form der κοινά ist deshalb das alles aufhebende, immerwährende, allen gemeinsamen, parametrisch wirkende, über die Konflikte hinausgehende, den gemeinsamen logischen Raum der Zusammengehörigkeit eröffende Struktur, in dessen Schoß die Konflikte aufgelöst werden können. Also das Geflecht, das erlaubt, sich in Konflikt befindenden Parteien auf eine zweite Ebene, auf eine Metaebene zu versöhnen. Bedingung des Seins überhaupt ist es, immer schon in einer eidetischen Struktur eingebunden zu sein, die die Kommensurabilität und die Zusammengehörigkeit aller Seienden als Totalität prinzipiell garantiert. Das sind auch die Merkmale des Geflechts.
Zwischen so verstandenen Relationalitätssysteme wie in der protagoreischen Ontologie gibt es Konflikte und es gibt Krieg. Es kann zwar zu einem Gleichgewicht der Kräfte kommen, aber keine Versöhnung und keine Vermittlung, da keine hinausgehende, aufnehmende, verankernde ontologische Struktur über sie bestehen kann. Es fehlt eben das Geflecht, das der Zauber der Dialektik ist.
Die von Platon aufgezählten κοινά des Seins im Theaitetos sind: zuallererst das Sein (τὸ ὄν) und die Einheit (ἕν), und auf Basis der Einheit dann Gleichheit (ἰσότης) und Verschiedenheit (ἑτερότης) sowie Ähnlichkeit (ὁμοιότης) und Unähnlichkeit (ἀνομοιότης). Es handelt sich offensichtlich um eine Charakterisierung der ontologischen Struktur der Welt mit einer bestimmten Textur, eine Struktur die auf der Basis des Seins und der Einheit (das Ansich, καθ’ αὑτό), Eindeutigkeit durch die Momente der Gleichheit und Verschiedenheit und der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit ein eidetisches einheitliches universelles Geflecht bildet, durch die die Dialektik als Methode es erlaubt, erkennend und kartographierend zu navigieren. Und deshalb ist es wichtig zu verstehen, was eigentlich Dialektik bei Platon heißt und was sie als ontologische Grundannahmen mit sich bringt.
Die κοινά des Seins sind aber nicht nur grundsätzliche Attribute, um so zu reden, die alles Seiende auszeichnen schon dadurch, dass es sich um Sein handelt. Alles, was im Schoß des Seins vorhanden ist, stattfindet oder sich ereignet, ist bereits dank dieser einheitlichen Textur des Geflechts immer schon miteinander verflochten, ist bereits Teil eines einheitlichen, universalen Geflechts. Und die Aufgabe des denkenden Philosophen besteht eben darin, sich in diesen gemeinschaftsstiftenden logischen Raum hineinzugeben und dieses Geflecht nachzuzeichnen. Die Kunst der Dialektik besteht darin, sich als Philosoph in das alles aufnehmende Geflecht des Seienden benennend und erkennend zu begeben.
Also genau wie die διάνοια als Erkenntnisfähigkeit (Präfix διά (hindurch) - νοῦς (je nach Übersetzung Vernunft, intuitives vernunftmäßiges Erkennen, Anschauung)) nicht nur das intuitive Wahrhaben, die unmittelbare Anschauung, sondern das diskursive Erkennen dessen, was ist, benennt, so ist die Dialektik als Methode bei Platon (Präfix διά (hindurch) – λόγος (Rede, Sinn, Ratio)) nicht nur das im Dialog Festnehmen und Durchleuchten einer zu untersuchenden Idee (Gerechtigkeit oder was auch immer), schon gar nicht das miteinander reden oder erörtern (auch, aber nicht wirklich), sondern das Navigieren der Seele durch für alle Zeiten schon parametrisch gegebenen und verankerten eidetischen Strukturen innerhalb einer einzigen Welt, innerhalb eines universalen Geflechts. Und der Zauber der Dialektik ist das Geflecht.
Die κοινά des Seins, wie erwähnt, werden von Platon als Antwort auf die radikale, fragmentierende, die Einheit des Seins negierende relationale Ontologie des Protagoras dargestellt. Die relationale Ontologie des Protagoras leugnet die Existenz überhaupt eines gemeinsamen logischen Raums, wo alle Phänomene innerhalb eines alles aufnehmenden Geflechts stattfinden. Es leugnet eben diese κοινά, leugnet, dass es eine gemeinsame Struktur des Geflechts außerhalb der Relationen gibt und behauptet, dass jegliche Konsistenzen, begrifflich oder auch institutionell im Rahmen der Polis, immer nur das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen Kräften sind, die eben nur innerhalb eines Kraftfeldes bestimmt werden können und nicht ausserhalb der Relationen verankert sind. Es gibt demnach keine auf eine Metaebene geflechtartig entrückte Strukturen oder Entitäten, etwa Ideen wie das Gute oder die Gerechtigkeit, jenseits der Ebene der Konfrontation der Kräften. Und das nicht nur explizit in der von Platon rekonstruierten relationalen Ontologie des Protagoras, sondern auch in der allgemeinen sonstigen Charakterisierungen der sog. Sophistik durch Platon und später auch Aristoteles: ein Wissen oder eine Wissensform, die in der Relationalität der Meinungen oder Erscheinungen verbleibt und vor allem dort einwirkt, ohne den Rekurs auf eine wie auch immer geartete ontologisch-eidetische, parametrisch wirkende, alles umhüllende Verankerung.
Ich habe mich bereits mit dieser Thematik etwas eingehender befasst, in diesem Buch von 2022. Es ist frei verfügbar per open access, falls jemand sich für diese Themenkomplexe weiter interessiert2:
Diese antike Dialektikkonstellation ist gerade deshalb wichtig, weil eben dort wurzeln alle spätere Dialektikauffassungen, auch und nicht zuletzt die von Hegel. Bei allen Differenzen in der Textur des Geflechts (bei Hegel handelt es sich ja um ein dynamisch in Form von Totalität und Notwendigkeit sich entfaltendes Geflecht), geht es ja immer um die Annahme eines allumfassenden logischen Raumes mit den Merkmale der Einheit, der Sinnhaftigkeit und der Totalität - die eben möglich machen, alles zu subsumieren und Konflikte, Widersprüche und Differenzen unter Rekurs auf die so begründete Kommensurabilität aufzulösen. Diese Annahme macht die abendländische Metaphysik aus, das ist die grundsätzliche Denkstruktur des Abendlandes, die grundsätzliche Annahme eines alles aufnehmenden und umfassenden Geflechts – welcher Textur auch immer.
Thukydides
Ich habe schon über Protagoras gesprochen, aber hier möchte ich ein anderes Zeugnis einer entzauberten Dialektik der Antike festhalten. Gewisse sophistische Wissensformen sind historisch bezeugte Beispiele einer entzauberten Dialektik, bzw. des Verständnisses der Konflikte und Auseinandersetzungen ohne einen alles umhüllenden logischen Raum der Zusammengehörigkeit, einen Raum, der Kommensurabilität und Versöhnung erlaubt. Ich habe vorhin als Beispiel dafür die Ontologie des Protagoras in der Rekonstruktion von Platon im Theaitetos genannt. Es gäbe aber auch viele faszinierende Beispiele in der vorsokratischen Literatur und Philosophie, wie das agonische Aufeinandertreffen von Logoi oder Kräfte ohne allumfassendes eidetisches Geflecht thematisiert wird. Es handelt sich ja um vorplatonischen Wissensformen, die entzaubert sind in dem Sinne, dass sie das einheitliche Geflecht nicht kennen. Es gibt in der Tat viele Texte einzelner Sophisten, etwa von Protagoras und Gorgias, die für eine Explizierung sehr ergiebig wären, wie auch viele sophistischen Kontrahenten in Platons Dialogen - man denke nur an Kallikles und Thrasymachos. Hier wäre zu erörtern zum Beispiel, wie eine Rhetorik ohne Geflecht zweiter Stufe aussehen kann, wie das Denken, das Reden und das Handeln in einer pluralen Welt ohne eidetischer Verankerung und situationsungebundenen Maßstäben aussehen kann.
Thukydides zeigt sich in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges in der Tat als ein tiefsinniger Denker, wie Nietzsche bezeugt, der sich außerhalb des platonischen bzw. idealistischen Geflechts bewegt. Extrem interessant zu beobachten, wie er “Ideen” wie Gerechtigkeit immer in einem vorhandenen Kräfteverhältnis einbettet und nicht auf eine Metaebene der Rechtfertigung belässt, wie diese „Ideen“ von Kriegsparteien auch als Waffe benutzt werden, wie dort genealogische Bedeutungsverschiebungen stattfinden, wie das Aufeinanderklaffen der Kräfte wirklichkeitsschaffend wirkt, wie weder Ideen noch Moralvorstellungen auf eine Metaebene, auf ein Geflecht jenseits des vernichtenden oder auch schöpferischen Realität des Krieges gestellt werden.
Wie der Krieg eben in diesem Sinne tatsächlich der Vater aller Dinge ist.
Bild: Alfred Kubin, Der Krieg3
Das heißt, der Gehalt überkommener Begriffe wird nicht hypostasiert, wird nicht aus der konfliktgeladenen Situationen entrückt, sondern wird gerade als entstandene Wirklichkeit auch werkzeugartig in den Auseinandersetzungen belassen. Es sind die vorhandenen, inkompatiblen, unversöhnlichen, sich im Krieg befindenden Kräfte das, was alles formt: Institutionen, Meinungen, Begriffe, ethische Normen, Staaten, staatliche Strukturen, Menschen, Seelen.
Der Krieg in der Tat verschlingt alles, auch vermeintliche ethische Normen, bzw. die ethischen Normen und Gebote sind ein Faktor mehr in der strategischen Auseinandersetzungen, mehr noch, in der jeweiligen Ausformung sind sämtliche ethische Normen die gegenwärtige Kristallisation eines momentanen Kräftegleichgewichts, der sich jederzeit verschieben kann. Diese befinden sich niemals auf einer anderen Ebene jenseits der koflikthaften Realität, sie sind vielmehr immer Teil und Ergebnis derselben. Das ist Thukydides.
Schmitt
Wenn das Geflecht der Zauber der Dialektik ist und vorplatonische Wissensformen, die diese Einheit des Seins nicht kennen, eine Form von entzauberten Dialektik darstellen, eine Art strategische Rationalitätsausübungsform ohne umschließenden logischen Raum der Zusammengehörigkeit, wie bei Protagoras oder Thukydides, so finden wir in unserer Zeit nach Hegel in diesem Sinne auch sehr interessante Beispiele von entzauberten Dialektikformen. Sie werden mir, hoffe ich, den weiten Bogen jetzt verzeihen, aber eines der spannendsten und gleichzeitig klarsten Beispiele hierfür ist Carl Schmitt. Deshalb jetzt ein paar Worte über Schmitts antidialektischen Realismus.
Bild: Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, erste Ausgabe, 19324
Die Polarität ist ja die Basis der Dialektik. Ihr Zauber besteht darin, dass diese durch das Geflecht aufgelöst oder aufgehoben wird.
Bei Schmitt ist es anders. Genau wie die Polarität von schön und hässlich das Feld der Ästhetik, oder die Polarität von Gut und Böse das Feld der Ethik ausmachen, so macht die Polarität oder Dichotomie Freund-Feind das Wesen des Politischen aus. Das Wesen des Politischen besteht darin, zwischen “Freund” und “Feind” zu unterscheiden.
Was sich vielleicht trivial anhört, ist vielleicht auch einer der politisch wirkungsmächtigsten Gedanken von Carl Schmitt. Die Konstruktion von politischen Identitäten ist nur durch den konstitutiven Ausschluss einer feindlichen Exteriorität möglich.
Aber die Radikalität, für unsere Belange, dieser Gedanke muss man auch richtig erfassen. Die Dichotomie Freund/Feind ist konstitutiv des Politischen in dem Sinne, dass diese Dichotomie als Bedingung der Möglichkeit des Politischen überhaupt begriffen wird und als solches auch eben deshalb unaufhebbar ist. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, mit der Kontraposition Freund/Feind handelt es sich ja um eine einfache Art dialektischer Entgegensetzung. Ja, aber, und das ist hier der wesentliche Punkt, es wäre dann eine dialektische Entgegensetzung ohne verbindenden, ohne vermittelnden Geflecht, eine Dialektik, die keine Formen der Versöhnung zulässt - und auch keine Möglichkeit einer Synthese. Die Dichotomie, die in einen vernichtenden Konflikt münden kann, ist konstitutiv. Oder anders ausgedrückt: Die zum Konflikt und im Extremfall zur physischen Vernichtung führende Dichotomie ist die Form, ja die Bedingung der Möglichkeit der Existenz politischer Entitäten überhaupt.
Egal ob es sich um Staaten, Parteien oder sonstigen politischen Agenten handelt, diese gibt es nur im Konflikt. Und eben deshalb kann diese Dichotomie, die in offenen Konflikt münden kann, nicht aufgehoben werden, denn dieser ist ja Bedingung der Existenz des Politischen selbst.
Die Konfrontation hier ist nicht der Motor einer Entwicklung oder die Gelegenheit zur Explizierung von „etwas, das in der Geschichte arbeitet“. Es gibt keinen Sinn und keine Richtung.
Genau wie bei Protagoras oder bei Thukydides, der Konflikt steht am Anfang und zerreißt die Einheit des Seins, und es gibt kein alles aufhebende Geflecht, keine Möglichkeit der Versöhnung und keine zauberhafte Kraft, die in der Geschichte über die Konflikte hinweg und hindurch arbeitet.
Die Spaltung ist also konstitutiv. Die konstitutive Möglichkeitsbedingung des Politischen bringt mit sich schon das notwendige Element der Exteriorität der Kräfte und die Unmöglichkeit einer dialektischen Synthese. Und auch wenn Schmitt immer im Rahmen einer politischen Theorie die reale, konkrete Welt des Politischen beschreibt, so handelt es sich hier um eine radikal ontologische Aussage, die man auch ernst nehmen sollte. Denn hier wird nichts anders als die Unmöglichkeit der Versöhnung oder einer Aufhebung in einer Synthese von gegeneinander auftretenden Kräfte oder individuierte politische Konstrukte bejaht. Hier wird die Einheit des Geflechts mit aller Wucht zerrissen, des Geflechts, das der Zauber der Dialektik ist. Der gemeinsame logische Raum der Zusammengehörigkeit, den die Philosophie seit Platon annimmt, wird negiert. Das ist eine radikal ontologische These, die die Basis und Möglichkeitsbedigungen der hegelschen Dialektik auch ganz radikal in Frage stellt - vergleichbar eben der Protagoreischen Infragestellung der Einheit des Seins in der platonischen Rekonstruktion der sophistischen Ontologie.
In Gegensatz zum logischen, einenden Raum des Geflechts, der Raum des Politischen bei Schmitt ist durch keinen Sinn durchdrungen. Es ist ein Raum eben außerhalb des Geflechts bzw. ein Raum, der die Einheit des Geflechts unwiederbringlich zerreißt und insofern auch den Zauber der Dialektik zerstört, denn das Geflecht ist der Zauber der Dialektik.
Konflikttheorien – Internationale Beziehungen
Bild: Menzel, 20015
Und in diesem Zusammenhang ist es auch sehr interessant zu beobachten, wie in heutigen Konflikttheorien und noch klarer in den heutigen Theorien der Internationalen Beziehungen sich diese zwei Linien niederschlagen: das Denken der Versöhnung, der Integration, der Überwindbarkeit der Konflikte, das Denken der Gemeinsamkeit des Geflechts einerseits, des Universalismus, und das Denken der Fragmentierung, der radikalen Prinzipialität und Ünüberwindbarkeit der Konflikte andererseits.
Und interessant ist es auch, wie diese auch genannt werden. Die ersten werden Idealistisch genannt und knüpfen retrospektiv an Kants Schrift “Zum ewigen Frieden” (1795) an; die anderen werden realistisch genannt und berufen sich vielfach auf Thukydides als Vorreiter und erster Vertreter dieser Denkrichtung. Aber hier werden in der Regel auch keine Fragen der Ontologie behandelt, sondern rein empirische, real politische Ansätze spielen eine Rolle.
Idealistische Tendenzen zeichnen sich dadurch aus, dass man die Möglichkeit einer umfassenden Kooperation und eines ewigen Friedens verfolgen und für möglich halten, ganz abseits von philosophischen Ausführungen, im Sinne der Verwirklichung einer wünschenswerten Utopie, im Sinne der Aufklärung und des Projektes der Modernität. Da fallen Begriffe wie Universalismus, universale Menschenrechte, ewiger Frieden, weltweite Demokratisierung und Zivilgesellschaft, Globalismus, supranationale, weltumspannende Institutionen, Überwindung der Nationalstaaten und Abbau der nationalstaatlichen Souveränität, Weltregierung, One World, Weltinnenpolitik. Das alles getragen von dem tiefen Glauben daran, es sei möglich, über alle Differenzen hinweg, über alle politischen und kulturellen Grenzen hinweg eine einzige, vereinte, friedfertige Welt mit weltumspannenden Strukturen zu schaffen.
Auf der anderen Seite: Diejenigen, die davon ausgehen, dass Kulturen und auch gewachsene staatliche Gebilde, ob diese Konstrukte sind oder nicht spielt keine Rolle, so in etwa unüberwindbare Urpartitionen des Seins sind, die als solche eben deshalb, weil realitätskonstituirend und prinzipiell sind, nicht aufgehoben werden können unter Rekursion auf ein Drittes und nicht befriedet werden können durch supranationale Strukturen - und sich deshalb immer im politischen Kampf befinden werden. Konflikte sind wirklichkeitskonstituirend und lassen sich nicht auflösen. Für diese realistische Tendenzen ist der Frieden ein anstrebbarer fragiler Zustand bestehend aus einem vorübergehenden Gleichgewicht der Kräfte, oder das Resultat einer politischen Hegemonie. Der Frieden besteht in einem Gleichgewicht, nicht in der Aufhebung der Differenzen oder friedlichen Versöhnung der agierenden Kräfte, oder in der Einigung unter gemeinsamen suprastaatlichen Institutionen wie eine Weltregierung.
Und streng genommen, wenn man die ernsthaften tiefsinnigsten Denker der jüngeren Vergangenheit als Geleit nimmt, wie etwa Nietzsche, Schmitt, oder auch Foucault, kann man leicht herausfinden, dass eigentlich bei dieser Unterscheidung zwischen idealistischen und realistischen Tendenzen in der Theorie der internationalen Beziehungen es eigentlich und im Grunde um ganz klassische Fragen der Ontologie geht, um Fragen bzgl. der Einheit, der Kommensurabilität, der Möglichkeit einer friedfertigen, alles aufhebende Einigung einerseits - oder eben um die irreduzible, unversöhnliche Pluralität der in Konflikt geratenen Kräfte oder Agenten andererseits.
Abschluss
Bild: Aus 1. Makkabäer und Flavius Vegetius Renatus, Epitoma rei militaris6
Wir haben gesehen, das Geflecht als logischer Raum der Zusammengehörigkeit mit den Merkmalen der Einheit, der Sinnhaftigkeit und der Totalität der Zauber der Dialektik ist. Und wenn die kohäsive integrative Kraft des Geflechts, sei es in der Form eines transzendentalen Subjektes, einer Subjektivität oder eines Geistes, geschweige denn eines Gottes, abwesend ist, so weicht die Einheit der Welt einer Pluralität und Proliferation inkommensurablen Identitäten und prekären, zufällig entstandenen, meist kurzlebigen, miteinander konkurrierenden Konstrukte, die nicht mehr allgemeingültigen Rechenchaftsansprüchen unterworfen sind - was man heute Postfaktizität nennt. Und das alles trifft auf unsere Zeit zu.
Deshalb ist geistesgeschichtlich äußerst interessant festzustellen, wie nach dem Ende der Metaphysik, in der Posmoderne, im Rahmen der Dissolution der abendländischen Einheits-Erzählungen, nach der Auflösung des Zaubers, des so verstandenen Geflechts, eine anarchistisch anmutende, rhyzomartige Proliferation von neuen Wissensformen, Erzählungen, Narrativen, alternativen Epistemologien sich ausbreitet und überall Denkfiguren und Konstrukte entstehen, die in ihrer Relationalität und strategischen Ausformung vorphilosophischen, sophistischen Formen sehr ähneln, was faszinierend ist zu beobachten.
Das Geflecht ist eine ontologische Metapher für einen logischen, kohärenten Raum der Zusammengehörigkeit mit den Merkmalen der Einheit, der Gesetzmäßigkeit, der Sinnhaftigkeit, der Totalität und der Kommensurabilität. Es steht für die Möglichkeit, in einem umfassenden Raum Widersprüche zu integrieren und zu vermitteln.
Und die Herausforderung besteht heute darin, dass eben dieses Geflecht fraglich geworden und nicht mehr selbstverständlich gegeben ist. Und wenn das Geflecht der Zauber der Dialektik in dem hier dargestellten Sinne ist, so scheint das fundamentale Thema unserer Zeit zu sein, eine Ontologie der Entzauberung, eine entzauberte Dialektik in diesem Sinne zu denken. Die Frage ist, wie man denn gedanklich in unserer entzauberten, hoffnungslos dekonstruierten und fragmentierten Welt scheinbar unlösbaren Konflikten und Widersprüchen ordnen kann; wie kann man man gedanklich die agierenden Kräfte der Gegenwart organisieren, wie entstehen Identitäten oder wie werden diese konstruiert und woraus, wie entstehen politische Subjekte; kann man diese befreien, wenn diese dem Wesen nach auch nur Konstrukte sind. Wenn kein Sinn und keine Richtung mehr da ist, wie ordnet man begrifflich die Kämpfe, wie erklärt man die Verschiebungen und die Verteilungen der Kampflinien zwischen Kräften, die unter keine alles einende Form gebracht werden können. Wie entsteht Handlungsfähigkeit. Kann man überhaupt eine Rationalität und eine Struktur dort finden. Wie kann man das entzauberte dialektische Zusammenspiel der irreduziblen Kräften gedanklich erfassen, von Kräften, die, wie es scheint, im sinnlosen Vakuum des Nihilismus sich ohne erkennbare Richtung in scheinbar zusammenhanglosen, multiplen Kämpfen und Szenarien entladen.
Heidegger meinte, das Wesen der Metaphysik sei die Ontotheologie: das Denken des Seins auf die Art des Seienden und das Vergessen der ontologischen Differenz. Heidegger denkt hier vielleicht immer noch teilweise innerhalb des Geflechts, jedenfalls redet er noch über das Sein als Ereignis wie von einer Totalität, die sich dem Menschen als Hüter nach dem Ende der Metaphysik eröffnet bzw. anschickt.
Die Metapher des Geflechts mit unterschiedlichen Texturen und mit den Grundelementen der Gesetzmäßigkeit, Sinnhaftigkeit, Einheit, Totalität und Kommensurabilität charakterisiert meines Erachtens besser das Sein der Metaphysik als gedanklicher Unterbau des Abendlandes, als einheitlicher logischer Raum der Zusammengehörigkeit aller Seienden, und charakterisiert meines Erachtens auch sehr gut in ihrer Abwesenheit den gegenwärtigen Zustand der unaufhebbaren Fragmentierung nach seiner Auflösung. Die Herausforderung ist hier, außerhalb des so verstandenen Geflechts Fuß zu fassen, des Geflechts, das der Zauber der Dialektik ist.
Man müsste dabei vorerst den göttlichen Hermes aus dem Bild wegdenken und dann schauen, was mit den Figuren passiert.
Vielen Dank
Kupferstich von Theodor de Bry, abgedruckt in das Buch Tripus Aureus (Frankfurt, 1618, S. 30) vom Alchemisten Michael Maier.
Fernando Oreja: Der Logos der Sophistik und die Philosophie. Untersuchung zur Eigentümlichkeit der sophistischen Rationalitätsausübung. Berlin: Logos Verlag, 2022. ISBN 978-3-8325-5493-4. DOI: 10.30819/5493. Das Buch ist als Open-Access-Publikation über OAPEN zugänglich: https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/58480
Alfred Kubin, Der Krieg, 1907, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.
Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, erste Ausgabe als selbständige Schrift, München: Duncker & Humblot, 1932.
Aus Menzel, U., Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den Internationalen Beziehungen, Frankfurt, 2001, S. 236.
Aus 1. Makkabäer und Flavius Vegetius Renatus, Epitoma rei militaris (Buch IV) (illuminiertes Manuskript), Leiden, um 1190–1200, S. 17 verso.









